Volkstänze

Español

An der Waldorfschule Würzburg, wo ich meine Schulzeit verbrachte, ist es üblich, dass die Schüler in der 11. Klasse, d.h., wenn sie ca. 16/17 Jahre alt sind, ein Thema auswählen und daraus eine “Jahresarbeit” machen. Am Ende des Schuljahres präsentiert jeder Schüler seine Arbeit sowohl in schriftlicher Form als auch in einem öffentlichen Vortrag, und das “Produkt” der Arbeit wird entweder ausgestellt, wenn es sich um etwas Angefertigtes handelt, wie z.B. ein Möbel- oder ein Bekleidungsstück, ein Gemälde, oder es wird in einer Abendaufführung präsentiert.

Als ich auf der Suche nach einem interessanten Thema war, kam es beim Mittagessen zu einem Gespräch, welches ausschlaggebend für meine Themenwahl sein sollte. Mein Vater war gerade von einer Schulärztetagung zurückgekommen und erzählte begeistert von einer Aufführung, die er dort gesehen hatte: mehrere Schulklassen, die europäische Volkstänze vortanzten. Da endlich wusste ich, welches meine Jahresarbeit sein sollte: europäische Volkstänze! Sofort setzte ich mich daran, die Telefonnummer von der Lehrerin, welche mit den Klassen die besagte Aufführung vorbereitet hatte, herauszufinden. Ich rief sie an und fragte, ob sie bereit wäre, meine Tutorin zu sein. Trotz der grossen Entfernung von ca. 5 Stunden Zugfahrt sagte sie zu. Bei ihr lernte ich meine ersten Volkstänze. Um mich dann ganz und gar in die Szene hinein zu begeben, machte ich in den Würzburger Tanzgruppen mit, fuhr auf Wochenendseminare in ganz Deutschland, um russische, rumänische, griechische, mazedonische, irische etc. Tänze zu lernen.

Einmal wöchentlich brachte ich dann eine Auswahl dieser Tänze einer Gruppe von 18 freiwilligen Siebtklässlern bei; und am Schuljahresende wurde ein buntes Programm mit Livemusik vorgeführt.

In der theoretischen Arbeit untersuchte ich anhand von entsprechender Literatur, wie die einzelnen Volkscharaktere sich in den Tänzen wieder spiegelten; ein interessantes und umfangreiches Thema.

Diese Jahresarbeit sollte richtungsweisend für meine spätere Studienwahl sein, in doppelter Hinsicht: zum ersten Mal fühlte ich mich von etwas wirklich angezogen, erfüllt. Die verschiedenen Musiken mit ihren wechselnden Rhythmen, die Freude am gemeinsamen Tanzen begeisterten mich. Von da an begann ich, überall wo ich gerade lebte, Volkstanzkurse anzubieten, an Festen die Gäste zu Tänzen anzuleiten, einfache Choreografien für Chöre zu entwerfen, welche diese bei entsprechenden Liederprogrammen singend tanzen konnten.

Und zum anderen war es genau diese Lehrerin, welche die genannte Aufführung mit den Schülern vorbereitet hatte, die Jahre später -wir waren schon längst gute Freundinnen geworden- mir ihrerseits wieder so ansteckend von ihrer Arbeit als Heileurythmistin erzählte, dass ich mich zum Eurythmiestudium entschied.

Anuncios